Philip Rosedale über seine virtuelle 3D-Welt Second Life


Philip Rosedale - Founder and CEO of Linden Lab. Second Life.Philip Rosedale, Chef von Linden Lab und Schöpfer der 3D-Welt Second Life über die Faszination der virtuellen Welt.

Rosedale's interessanteste Antworten aus einem Interview mit Jörg Rohleder im 'Vanity Fair' vom 15. März 2007:

Was ist der Sinn des Lebens in Second Life?
Philip Rosedale: Keine Ahnung, ich bin Physiker, kein Philosoph. Ich bin dennoch fest davon überzeugt, dass uns Second Life bei der Suche nach dem Sinn des Lebens einen grossen Dienst erweisen wird.

Warum?
Second Life ist eine künstliche, abgeschlossene Welt, in der Leute teure Autos und schöne Uhren kaufen, ohne sie zu brauchen. Denn diese Uhren zeigen keine Zeit an, sehen nur gut aus. Eigentlich sind sie wertlos.

Der Sinn des Lebens in Second Life ist also Konsum?
Zumindest scheint das einer der liebsten Zeitvertreibe zu sein.

…neben Pixel-Sex, der auch ganz oben auf der Prioritätenliste steht.
Das hat mich weniger gewundert. Das konnte man schon bei der Entstehung des World Wide Web beobachten.

Was suchen die Menschen in Second Life, was fehlt ihnen im ersten Leben?
Ich denke nicht, dass die Leute in Second Life etwas suchen, das ihnen die Realität verwehrt. Aber sie finden etwas: kreative Freiheit. Jeder möchte kreativ sein. Die reale Welt kann das kreative Verlangen des Einzelnen anscheinend nicht befriedigen. Glaubt man Statistiken, dann nutzen die Bewohner von Second Life mehr als 30 Prozent ihrer Zeit in der virtuellen Welt dazu, irgendein Objekt zu bauen.

Welches Wachstumspotenzial sehen Sie für Ihre Welt?
Second Life wird so gross wie das Internet. Ich rechne mit mehr als 1.5 Milliarden Usern. Die Zahl der Benutzer, der Grundstücke und auch das Geldvolumen verdoppeln sich bereits alle 90 Tage.

Halten Sie es nicht für Zeitverschwendung, sich an einen virtuellen Strand zu legen, um einen digitalen Sonnenuntergang zu betrachten?
Nein, weil uns dies daran erinnert, wie es sich anfühlt, an einem echten Strand zu liegen. Aehnlich wie Ferienfotos, die wir anschauen, um noch einmal für einen Moment an den Strand zurückzukehren. Das ist das Geheimnis von Second Life: Nichts ist real, doch locken auch die virtuellen Dinge in uns Gefühle hervor, die wir aus dem ersten Leben kennen.

Sie geben der Menschheit eine zweite Chance. Und diese nutzt sie, um wieder eine konsumorientierte Klassengesellschaft aufzubauen. Erstaunt Sie das?
Nicht unbedingt. Anscheinend sehnen sich Menschen nach Struktur und Regeln. Vielleicht haben die Leute einfach Angst vor der Freiheit.

Offenbar können manche Bewohner von Second Life auch nicht ohne einen geregelten Tagesablauf auskommen. Stimmt es, dass es ein paar Deutsche waren, die ein Arbeitsamt gegründet haben?
Ja, das stimmt. Anscheinend ist bei den Deutschen der Wunsch nach Ordnung noch tiefer verwurzelt als in anderen Kulturen.

Was kann die reale Welt vom Pixel-Universum lernen?
Viel. Weil wir in der virtuellen Welt vorleben, was passiert, wenn Menschen ein Höchstmass an Freiheit geniessen. Die Welt wird besser.

Und der Mensch?
Der auch.

An dieser Fehleinschätzung scheiterte bereits Karl Marx.
Okay: Der Mensch ist gut, solange das Licht an ist.

Glauben Sie, dass es irgendwann einen Präsidenten in Second Life geben wird?
Nein. Vielleicht wird es für eine Insel oder einen Bereich so ein Amt geben, aber ich denke nicht, dass jemand über ganz Second Life herrschen wird, kann oder sollte.

Kontrollieren Sie gar nicht die Inhalte Ihrer Plattform? Was würde passieren, wenn sich beispielsweise ein Pädophilenring in Second Life einnistet, um Bilder zu tauschen?
Das würden die Nutzer mitkriegen und Alarm schlagen: So etwas widerspricht eindeutig Linden Labs Geboten, weil es anderen Menschen schadet. Grundsätzlich ist es jedoch schwer für uns, Missbrauch zu verhindern. Auf unseren Servern liegen 100 Terabyte Inhalte.

Die Avatare, die User-Verköperungen in der Virtualität, werden nicht älter. Ist Second Life eine Art digitaler Gral, der Quell ewigen virtuellen Lebens?
Second Life ist vor allem der nächste Schritt in der Entwicklung der Menschheit. Das Leben wird virtuell. Das steht für mich ausser Frage.

Das klingt sehr nach einer Hollywood-Phantasie wie im Film 'Matrix'.
Mag sein. Sicher ist, es wird einen Konflikt zwischen den beiden Lebensformen geben. Der fängt heute schon an.

Und das finden Sie gut?
Das ist Evolution.

Philip Rosedale ist sich ganz offensichtlich seiner Sache äusserst sicher. Voller Selbstbewusstsein glaubt er an 1.5 Milliarden Second Life User in der Zukunft. Vor Konkurrenz scheint er keine Angst zu haben… Second Life hat bereits heute schon praktisch eine Monopolstellung im Bereich virtuelle Welten. Streitereien wie z.b. bei Microsoft sind abzusehen.

Ernüchternd ehrlich seine Beobachtung dass Konsum und Cybersex die Lieblingsbeschäftigungen der User in der Parallelwelt sind. Auf der anderen Seite zeigt Rosedale auf was wir in der virtuellen Welt eigentlich wirklich wollen: Kreative Freiheit – und reale Gefühle, die eben auch durch virtuelle Dinge hervorgerufen werden können.

Als echter Visionär entpuppt sich Rosedale mit seinem Blick in die Zukunft: Das Leben von uns Menschen wird virtuell werden. Erste Konflikte zwischen dem realen und dem virtuellen Leben zeigen sich heute schon.

Vom Linden Lab Gründer und CEO Philip Rosedale werden wir in Zukunft noch viel hören.

(www.internet3d.org)

2 Responses to Philip Rosedale über seine virtuelle 3D-Welt Second Life

  1. Oliver

    schönes Interview, bei dem ich mich allerdings frage warum Google mit der Übernahme von Linden Labs noch so zögerlich ist.

  2. Peter

    …also ehrlich, ich hab im realem Leben schon so viel zu tun, dass ich mir ein zweites Leben garnicht an den Hals binden will. Und aus dem Spielalter bin ich auch raus. Allerdings ist das eine Geldmaschine von großem Ausmaß – solange nicht gegen geltende Gesetze verstoßen wird.

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