Archive for June, 2007

Philip Rosedale über seine virtuelle 3D-Welt Second Life

Thursday, 14th June 2007

Philip Rosedale - Founder and CEO of Linden Lab. Second Life.Philip Rosedale, Chef von Linden Lab und Schöpfer der 3D-Welt Second Life über die Faszination der virtuellen Welt.

Rosedale's interessanteste Antworten aus einem Interview mit Jörg Rohleder im 'Vanity Fair' vom 15. März 2007:

Was ist der Sinn des Lebens in Second Life?
Philip Rosedale: Keine Ahnung, ich bin Physiker, kein Philosoph. Ich bin dennoch fest davon überzeugt, dass uns Second Life bei der Suche nach dem Sinn des Lebens einen grossen Dienst erweisen wird.

Warum?
Second Life ist eine künstliche, abgeschlossene Welt, in der Leute teure Autos und schöne Uhren kaufen, ohne sie zu brauchen. Denn diese Uhren zeigen keine Zeit an, sehen nur gut aus. Eigentlich sind sie wertlos.

Der Sinn des Lebens in Second Life ist also Konsum?
Zumindest scheint das einer der liebsten Zeitvertreibe zu sein.

…neben Pixel-Sex, der auch ganz oben auf der Prioritätenliste steht.
Das hat mich weniger gewundert. Das konnte man schon bei der Entstehung des World Wide Web beobachten.

Was suchen die Menschen in Second Life, was fehlt ihnen im ersten Leben?
Ich denke nicht, dass die Leute in Second Life etwas suchen, das ihnen die Realität verwehrt. Aber sie finden etwas: kreative Freiheit. Jeder möchte kreativ sein. Die reale Welt kann das kreative Verlangen des Einzelnen anscheinend nicht befriedigen. Glaubt man Statistiken, dann nutzen die Bewohner von Second Life mehr als 30 Prozent ihrer Zeit in der virtuellen Welt dazu, irgendein Objekt zu bauen.

Welches Wachstumspotenzial sehen Sie für Ihre Welt?
Second Life wird so gross wie das Internet. Ich rechne mit mehr als 1.5 Milliarden Usern. Die Zahl der Benutzer, der Grundstücke und auch das Geldvolumen verdoppeln sich bereits alle 90 Tage.

Halten Sie es nicht für Zeitverschwendung, sich an einen virtuellen Strand zu legen, um einen digitalen Sonnenuntergang zu betrachten?
Nein, weil uns dies daran erinnert, wie es sich anfühlt, an einem echten Strand zu liegen. Aehnlich wie Ferienfotos, die wir anschauen, um noch einmal für einen Moment an den Strand zurückzukehren. Das ist das Geheimnis von Second Life: Nichts ist real, doch locken auch die virtuellen Dinge in uns Gefühle hervor, die wir aus dem ersten Leben kennen.

Sie geben der Menschheit eine zweite Chance. Und diese nutzt sie, um wieder eine konsumorientierte Klassengesellschaft aufzubauen. Erstaunt Sie das?
Nicht unbedingt. Anscheinend sehnen sich Menschen nach Struktur und Regeln. Vielleicht haben die Leute einfach Angst vor der Freiheit.

Offenbar können manche Bewohner von Second Life auch nicht ohne einen geregelten Tagesablauf auskommen. Stimmt es, dass es ein paar Deutsche waren, die ein Arbeitsamt gegründet haben?
Ja, das stimmt. Anscheinend ist bei den Deutschen der Wunsch nach Ordnung noch tiefer verwurzelt als in anderen Kulturen.

Was kann die reale Welt vom Pixel-Universum lernen?
Viel. Weil wir in der virtuellen Welt vorleben, was passiert, wenn Menschen ein Höchstmass an Freiheit geniessen. Die Welt wird besser.

Und der Mensch?
Der auch.

An dieser Fehleinschätzung scheiterte bereits Karl Marx.
Okay: Der Mensch ist gut, solange das Licht an ist.

Glauben Sie, dass es irgendwann einen Präsidenten in Second Life geben wird?
Nein. Vielleicht wird es für eine Insel oder einen Bereich so ein Amt geben, aber ich denke nicht, dass jemand über ganz Second Life herrschen wird, kann oder sollte.

Kontrollieren Sie gar nicht die Inhalte Ihrer Plattform? Was würde passieren, wenn sich beispielsweise ein Pädophilenring in Second Life einnistet, um Bilder zu tauschen?
Das würden die Nutzer mitkriegen und Alarm schlagen: So etwas widerspricht eindeutig Linden Labs Geboten, weil es anderen Menschen schadet. Grundsätzlich ist es jedoch schwer für uns, Missbrauch zu verhindern. Auf unseren Servern liegen 100 Terabyte Inhalte.

Die Avatare, die User-Verköperungen in der Virtualität, werden nicht älter. Ist Second Life eine Art digitaler Gral, der Quell ewigen virtuellen Lebens?
Second Life ist vor allem der nächste Schritt in der Entwicklung der Menschheit. Das Leben wird virtuell. Das steht für mich ausser Frage.

Das klingt sehr nach einer Hollywood-Phantasie wie im Film 'Matrix'.
Mag sein. Sicher ist, es wird einen Konflikt zwischen den beiden Lebensformen geben. Der fängt heute schon an.

Und das finden Sie gut?
Das ist Evolution.

Philip Rosedale ist sich ganz offensichtlich seiner Sache äusserst sicher. Voller Selbstbewusstsein glaubt er an 1.5 Milliarden Second Life User in der Zukunft. Vor Konkurrenz scheint er keine Angst zu haben… Second Life hat bereits heute schon praktisch eine Monopolstellung im Bereich virtuelle Welten. Streitereien wie z.b. bei Microsoft sind abzusehen.

Ernüchternd ehrlich seine Beobachtung dass Konsum und Cybersex die Lieblingsbeschäftigungen der User in der Parallelwelt sind. Auf der anderen Seite zeigt Rosedale auf was wir in der virtuellen Welt eigentlich wirklich wollen: Kreative Freiheit - und reale Gefühle, die eben auch durch virtuelle Dinge hervorgerufen werden können.

Als echter Visionär entpuppt sich Rosedale mit seinem Blick in die Zukunft: Das Leben von uns Menschen wird virtuell werden. Erste Konflikte zwischen dem realen und dem virtuellen Leben zeigen sich heute schon.

Vom Linden Lab Gründer und CEO Philip Rosedale werden wir in Zukunft noch viel hören.

(www.internet3d.org)

Comments (2)

Virtuelle Second Life Stadt: Interview mit den new Berlin Gründern

Monday, 4th June 2007

Tobias Neisecke und Jan Northoff von YOUseeMEin3D.com über den Aufbau der virtuellen Stadt newBERLIN

newberlin-avatare-alexanderplatz-alex-fernsehturm-second-life.jpgEure Cyberspace-Stadt newBERLIN in Second Life hat mit einer spektakulären 1. Mai Party gestartet, bei der Punks mit Polizisten getanzt haben. Was für virtuelle Events sollten wir in naher Zukunft nicht verpassen?
Wir planen alle großen Events, die in Berlin in Zukunft stattfinden werden, zu spiegeln und sie in die Virtualität zu transformieren. Zum Beispiel gab es ein Festival der Kulturen; in Planung sind unter anderem die SLove Parade (die erste ‘Second Life Love Parade’!) und der Christopher Street Day. Aktuell haben wir eine Ausstellung im Kulturbahnhof, eine RL-SL korrespondierende Multimedia-Installation, Basketball und in Kürze Public Chess. Des Weiteren gibt es regelmässige Live-DJ-Auftritte, eine Sky-Lounge und die legendäre Rockerecke.

Ihr habt bereits den virtuellen Platz für ganz Berlin reserviert. Möchtet ihr langfristig Berlin komplett in Second Life virtuell abbilden?
Ja, aber wir planen nicht, das selber zu bauen, wir stellen in erster Linie die Fläche zur Verfügung. Natürlich bieten wir auch an, einen Standort komplett nachzubauen und einzurichten. Dieser Service ist vor allem für Firmen und kommerzielle Anbieter gedacht. Im Weiteren sind alle Berlinerinnen und Berliner aufgerufen, ihre eigene real-virtuelle Präsenz im Second Life aufzubauen. Bei uns herrscht das sogenannte ‘Primary Living Right’ (eine newBERLIN-Erfindung: Jeder hat Anrecht auf seine reale Adresse, sozusagen ein Erst-Wohnrecht. Wer zum Beispiel real in der Hannoverschen Straße 3 wohnt, hat das Anrecht, in newBERLIN an der korrespondierenden Adresse im Second Life seinen Wohnsitz aufzubauen.)

Wir planen langfristig, jedem User (Avatar) seine private Adresse zur Verfügung zu stellen. Dies entspricht einer Art dreidimensionalem Telefonbuch, das über den kommerziellen Anbieter finanziert wird und der Eintrag für den privaten User frei ist. Damit entsteht langfristig eine Art dreidimensionalem Telefonbuch, das über die kommerziellen Anbieter finanziert werden soll, wodurch der Eintrag für private User frei bleiben kann.

Wenn eines Tages Berlin hyperrealistisch im Cyberspace stehen sollte, macht es dann überhaupt noch Sinn, sich im realen Berlin aufzuhalten? Oder umgekehrt: Dann könnten wir uns ebenso gut nur noch in der realen Welt bewegen - es gibt ja dann praktisch keine Unterschiede mehr zur virtuellen Welt.
Reale und virtuelle Welt sind einfach nicht zu vergleichen. Das eine ist eine haptische Sinneserfahrung, das andere ist eine Informationserfahrung in einem Medium. Beides hat seine Vor- und Nachteile. Es macht aber durchaus Sinn, beide Realitäten miteinander zu verlinken. Die virtuelle 3D-Welt ist kein Ersatz für das tägliche Leben, aber es kann durchaus das Leben vereinfachen bzw. bereichern.

Möchten User überhaupt eine detailgetreue Nachbildung des Ortes, an dem sie wohnen? Wie können sie in einer Umgebung, die ihnen bereits bestens vertraut ist, überhaupt noch überrascht werden?
Private User wünschen sich oft keine detailgetreue Nachbildung. Deswegen unsere Entwicklung des ‘Primary Living Right’, womit der User sein Zuhause frei und kreativ gestalten kann und wird. Natürlich werden wichtige Adressen sich selbst so repräsentieren, dass sie wieder erkannt werden. Das heisst, wir gehen von detailgetreuen Nachbildungen wichtiger Geschäfte und Institutionen aus. So entsteht eine Mischung aus einer kreativen Unterhaltungsplattform und einem Informations- und Navigationssystem.

Die Welten ergänzen sich auch. Egal wo man sich auf der Welt aufhält, kann man zumindest virtuell am Berliner Stadtleben teilhaben, (z.b. an der Love Parade). Eine detailgetreue Nachbildung macht also sehr wohl Sinn, da man sich damit wirklich wie im richtigen Berlin fühlt. Ein Ur-Bedürfnis der Menschen nach Sicherheit und Vertrautheit wird somit befriedigt. Es scheint fast, dass viele User gar nicht unbedingt überrascht werden wollen. Bei all den bestehenden Fantasie-Inseln mit exotischen Landschaften und Gebäuden möchten Menschen wieder ganz einfache, ihnen vertraute Landschaften besuchen.

new-berlin-newberlin-alexanderplatz-fernsehturm-turm-tower-second-life-youseemein3d.jpg

Für wen macht es heute bereits Sinn, eine Repräsentanz in newBERLIN zu eröffnen?
Sicher einmal für alle, die einen Bezug zu Berlin haben. Wir verhandeln im Moment erfolgreich mit vielen Parteien aus allen Bereichen von Wirtschaft und Kultur. Privatpersonen, die in einem Bereich wohnen, der bereits von uns freigeschaltet worden ist, können auf Anfrage ihren Wohnort virtuell nachbauen. Sie helfen damit in klassischer Web 2.0 Manier mit, die virtuelle Stadt newBERLIN aufzubauen.

Wie sieht YOUseeMEin3D.com die Zukunft?
Wir sind noch in der Start-up-Phase. Da wir bereits heute mit zahlreichen Interessenten zusammenarbeiten, sehen wir überaus positiv in die Zukunft. Das Potential, das in der ganzen Technologie liegt, rückt mehr und mehr ins allgemeine Bewusstsein, was durch diverse neue Anfragen bestätigt wird.

Mehr Informationen über das Projekt newBERLIN: www.BERLINin3D.com

(www.internet3d.org)

Comments (0)